Grammatik lernen – wann und wie?

Es gibt zwischen den einzelnen Methoden zum Lernen einer Fremdsprache fundamentale Unterschiede was den Stellenwert der Grammatik betrifft, und folglich ist dieser Aspekt charakteristisch für eine bestimmte Lernmethode. – Einerseits wird beim schulischen und universitären Ansatz den Grammatikregeln eine wichtige Rolle beigemessen – andererseits haben alternative Methoden den Anspruch, die Lernbedingungen wiederherzustellen, die Kinder beim Erlernen ihrer Muttersprache vorfinden. Diese neuen Methoden reduzieren die Lehre von grammatikalischen Regeln und Begriffen auf ein Minimum, oder lassen diese sogar ganz außen vor. Wie gewohnt liegt auch hier die wirksamste Methode in der goldenen Mitte dieser beiden Extreme. (last update: 08/11/2016)

grammatik-lernen--wann-und-wie-mosalingua

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Wenn man Schüler gleich am Anfang mit Grammatik überflutet, kann das in der Tat demotivierend sein und somit kontraproduktiv wirken (davon verstehe ich etwas, denn auf diese Art hat es mein Englischlehrer geschafft, mir jegliche Lust am Englischlernen zu nehmen – eine Sprache, die ich heute liebe). Aber durch das komplette Streichen der Grammatikregeln aus dem Unterricht wird den Schülern ein wichtiges Instrument zum Verstehen der Strukturen und der Logik einer Sprache vorenthalten. Man kann nicht bestreiten, dass ein Kind anfängt, eine Sprache zu sprechen, bevor es zur Schule geht. Dennoch schöpft es die Fähigkeit, sich auf sowohl mündlich aus auch schriftlich auf wirksame Weise verständlich zu machen aus den Grammatikregeln, auch ohne sie zu kennen.

Dieser Gedanke hat für den Artikel namensgebend gewirkt:

Grammatik lernen –wann und wie?

Ich kann meinerseits keine Lösung anbieten, aber ich habe im Folgenden einige Bausteine für eine Antwort zusammengetragen:

Eine Frage des Ziels und der verfügbaren Zeit

Jeder, der versucht ist, sich in ein Lernabenteuer zu stürzen, welches sich als umsonst herausstellen könnte, sollte sich zunächst die beiden folgenden Fragen zu stellen:

„Mit welchem Ziel lerne ich diese Sprache?“ und „Wie viel Zeit bringe ich auf, um dieses Ziel zu erreichen?“

Die Leser meines Blogs wissen, dass ich vor einiger Zeit begonnen habe, Portugiesisch zu lernen. Bevor ich damit anfing, habe ich mir diese Fragen gestellt:

Warum will ich diese Sprache lernen (in meinem Fall Portugiesisch)
Mein Anfangsziel war es, in verschiedenen Situationen während meines Urlaubs klarzukommen – durch die Möglichkeit, mit den Einwohnern zu kommunizieren.

– Über wie viel Zeit verfüge ich?
Ich hatte weniger als 3 Monate Zeit und ich konnte 15 Minuten täglich aufbringen.

Klar, dass mit diesem Zeitbudget illusorisch wäre zu behaupten, man könne die ganze Grammatik der Sprache meistern (davon einmal abgesehen hatte ich darauf auch gar keine Lust). Zudem war es ja mein Ziel, schnell im Stande zu sein, mich verständlich zu machen. Ich war mir bewusst, dass mein Portugiesisch nicht perfekt sein würde, aber das war ja nicht schlimm; meine Fehler würden weder das Verständnis meiner Gesprächspartner beeinträchtigen, noch meinen Willen, mich verständlich zu machen.

Mein Gedanke war: Nachdem ich einige Vokabeln und geläufige Sätze gelernt und mit dem Sprechen begonnen haben werde, werde ich – sofern ich das will – meine Kenntnisse immer noch perfektionieren können, indem ich die Grammatik in Angriff nehme (und das wird sicherlich nach den Ferien geschehen).

Nehmen wir als anderes Beispiel einen Sprachstudenten, der nach drei Jahren Universitätsstudium Übersetzer werden will. Sein Ziel und Zeitbudget haben mit meinem nichts gemein. Auch wenn ich ihm nicht raten würde, sich als allererstes auf die Grammatik zu stürzen, sollte man dem Thema dennoch bald viel Zeit und Energie widmen.

Jedem sein Stil; jedem seine Methode

Es gibt Lerntypen, die das Gelernte gerne strukturieren. Sie erstellen Tabellen, erarbeiten Schemata und entdecken Regeln. Andere sind durch Improvisation und Spontaneität effizienter. So ist auch das frühzeitige Grammatikstudium für den einen vorteilhaft und den anderen nachteilig. Ich würde mich irgendwo zwischen diesen beiden Typen ansiedeln. Ich liebe es, mich zu Beginn von der Spontaneität leiten zu lassen und in eine Sprache durch Hören und Auswendiglernen von Wörtern und Sätzen einzutauchen, und dann in eine Konsolidierungsphase überzugeben, in der ich die präzisen Regeln auf die bereits gelernten Teile anwende. Jeder muss die Methode finden, die für ihn am besten passt.

Die Besessenheit vom Perfektionismus kann ein Hindernis beim Ausdruck sein

Eines Tages hat mir Cinzia, eine in Japan diplomierte Kollegin, etwas erzählt, was mich sehr beschäftigt hat. Während ihres Studienjahres in Japan hat sie einige Italiener und Franzosen getroffen, die sich wegen der Arbeit im Land aufhielten. Deren Japanisch war zwar nicht perfekt, aber sie sprachen auf eine viel natürlichere Weise als Cinzia selbst, die im Laufe des zweijährigen Universitätsstudiums mühsam sämtliche Grammatikregeln gepaukt hatte, bevor sie zu sprechen begann. Die Grammatik hat sie zu diesem Zeitpunkt in ihrer Ausdrucksfähigkeit gebremst, auch wenn sie sich später als nützlich erweisen sollte.

Ich erzähle Ihnen all das, da ich meine, dass es besser ist, sich wegen der Grammatik nicht den Kopf zu zerbrechen, sofern es Ihr Ziel ist, schnell sprechen zu können: Fehler spielen im Lernprozess eine Rolle, wohingegen das Streben nach sofortiger Perfektion stumm macht.

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