Das Wichtigste auf einen Blick:
- Dieselbe Person – aber nicht dieselbe Ausstrahlung
- Warum fühlen wir uns in jeder Sprache anders?
- Auch kulturelle Regeln verändern unser Verhalten
- Was sagt die Wissenschaft zu Sprache und Identität?
- Und wie ist es bei Ihnen?
Sprache und Identität: Verändert eine neue Sprache Ihre Persönlichkeit?
Fühlen Sie sich anders, sobald Sie von einer Sprache in eine andere wechseln? Vielleicht sprechen Sie in Ihrer Muttersprache lockerer, machen mehr Witze oder wirken selbstbewusster. In einer Fremdsprache hingegen wählen Sie Ihre Worte sorgfältiger oder treten etwas formeller auf. Viele Zweisprachige kennen dieses Gefühl – und genau darüber sprechen Lisa und ihr Vater Paul in dieser spannenden Unterhaltung: Wie Sprache und Identität sich beeinflussen.
Paul ist in London aufgewachsen und englischer Muttersprachler. Seit vielen Jahren lebt er jedoch in Frankreich und spricht fließend Französisch. Gemeinsam gehen Vater und Tochter einer faszinierenden Frage nach: Bleibt man wirklich dieselbe Person, wenn man die Sprache wechselt?
Dieselbe Person – aber nicht dieselbe Ausstrahlung
Als Lisa ihren Vater fragt, ob er sich auf Englisch und Französisch gleich fühlt, muss er nicht lange überlegen. Seine Antwort überrascht vielleicht nicht: Er fühlt sich zwar immer noch wie dieselbe Person, bemerkt aber einen deutlichen Unterschied.
Während er auf Englisch spontaner und entspannter wirkt, wird er auf Französisch nachdenklicher und wählt seine Worte bewusster. Lisa erkennt sich sofort in dieser Erfahrung wieder. Auch sie hat das Gefühl, dass sich mit der Sprache nicht nur die Wörter verändern, sondern auch ihre Ausstrahlung und ihr Verhalten.
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Um das zu zeigen, macht Lisa einen kleinen Test. Sie bittet ihren Vater, sich in drei Wörtern auf Englisch und anschließend auf Französisch zu beschreiben. Das Ergebnis ist verblüffend: Auf Englisch beschreibt er sich als spontan, neugierig und entspannt. Auf Französisch wählt er dagegen Wörter wie zurückhaltend, vorsichtig und formell. Dieselbe Person – aber eine ganz andere Energie.
Warum fühlen wir uns in jeder Sprache anders?
Der Grund dafür liegt oft nicht in der Sprache selbst, sondern in den Erfahrungen, die wir mit ihr verbinden und die wir mit Sprache und Identität verbinden.
Unsere Muttersprache begleitet uns meist seit der Kindheit. Mit ihr verbinden wir Familie, Freundschaften, Schule und viele emotionale Erinnerungen. Deshalb fühlen wir uns in ihr häufig besonders natürlich und ungezwungen.
Eine zweite oder dritte Sprache lernen wir dagegen oft in einem anderen Umfeld – zum Beispiel in der Schule, an der Universität, im Beruf oder auf Reisen. Dadurch verbinden wir sie häufig mit Situationen, in denen wir konzentrierter oder vorsichtiger sein mussten. Dieses Gefühl kann bis heute erhalten bleiben.
Paul erzählt, dass ihm Witze auf Englisch viel leichter fallen. Auf Französisch denkt er länger nach, bevor er spricht, und achtet stärker auf seine Wortwahl. Lisa kennt dieses Verhalten ebenfalls und erklärt, dass sie in manchen Sprachen automatisch vorsichtiger formuliert.
Auch kulturelle Regeln verändern unser Verhalten
Neben persönlichen Erfahrungen spielt auch die Kultur einer Sprache eine wichtige Rolle.
Paul nennt ein interessantes Beispiel aus dem Französischen: Dort gibt es zwei verschiedene Formen für „Sie“ und „du“ – vous und tu. Welche Form verwendet wird, hängt von der Beziehung zwischen den Gesprächspartnern ab. Dadurch achtet man automatisch stärker auf Höflichkeit, Distanz und soziale Situationen.
Im Englischen gibt es diese Unterscheidung nicht. Das Wort you wird in fast jeder Situation verwendet. Dadurch wirken Gespräche oft direkter und lockerer.
Solche Unterschiede beeinflussen unser Verhalten stärker, als viele Menschen vermuten. Wir passen uns den sozialen Regeln einer Sprache an – oft ganz unbewusst.
Was sagt die Wissenschaft zu Sprache und Identität?
Psychologen beschäftigen sich schon seit Jahren mit diesem Phänomen. Viele Studien zeigen, dass Zweisprachige ihre Sprachen mit unterschiedlichen Erinnerungen, Gefühlen und Verhaltensweisen verbinden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie mehrere Persönlichkeiten haben. Vielmehr werden je nach Sprache unterschiedliche Seiten Ihrer Persönlichkeit stärker aktiviert. Sprache dient also nicht nur der Kommunikation – sie beeinflusst auch, wie wir denken, fühlen und auf andere wirken.
Genau deshalb sprechen manche Menschen in einer Sprache selbstbewusster, in einer anderen humorvoller und in einer dritten besonders höflich oder zurückhaltend.
Und wie ist es bei Ihnen?
Zum Schluss möchten Lisa und Paul diese Frage an Sie weitergeben: Fühlen Sie sich anders, wenn Sie die Sprache wechseln?
Vielleicht werden Sie in Ihrer Muttersprache gesprächiger. Vielleicht fühlen Sie sich in einer Fremdsprache mutiger oder professioneller. Oder Sie haben das Gefühl, dass Sie je nach Sprache eine andere Seite Ihrer Persönlichkeit zeigen.
Achten Sie beim nächsten Sprachwechsel einmal bewusst darauf. Sie werden vielleicht feststellen, dass Sie nicht nur andere Wörter verwenden, sondern die Welt auch aus einer etwas anderen Perspektive erleben.
Hier ist unser Video zum Thema Sprache und Identität:
Das Video ist mit deutschen Untertiteln verfügbar.



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